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PRESSE:
Aufgequollene Gummibärchen Installation und Schau „Unter die Haut“ ab heute im Kulturbad
ANDRÉ WIRSING
Es geht um Körper, doch menschliche Körper sind
abwesend; es spielt im Schwimmbad, doch Wasser
gibt es keines.
Die Besucher der heute im Kulturbad öffnenden
Schau „Unter die Haut“ werden irritiert,
verwundert, verblüfft und belustigt sein. Die
Schwestern Imke und Constanze Kreiser haben
Erstaunliches in der Wannenbadabteilung des
alten Stadtbades installiert.
Wer erwartet schon eine mit Kaffeebohnen
gefüllte Badewanne, einen mit Kakaopulver
bestäubten Fliesenboden, ein durch rote Folien
gebrochenes Oberlicht unter dem Titel
„Körpersinne“? Im Übrigen bleibt auch Raum für
Interaktion: Weil den Schaumacherinnen der
Kaffeesponsor abgesprungen ist, sollen nun die
Besucher helfen – wer will, kann eine Hand voll
Bohnen mitbringen und in die Wanne geben, wirbt
Constanze Kreiser.
Schwester Imke zeigt derweil die Aktionsräume –
Selbstbewusstsein und gute Nerven sind für den
Besucher allerdings nicht von Nachteil.
Die Box mit dem zweideutigen Titel „Körpermasse“
im Sinne von „Masse“ und „Maße“ zeigt eine
offizielle Studie zur Entwicklung des
Körpergewichts in Deutschland über mehrere
Jahrzehnte. In der Wanne liegen aufgequollene
Gummibärchen, es stehen Waagen und Messlatten
herum, auf Tafeln dürfen die Gäste ihr
Körpergewicht eintragen oder auch die
Spottsprüche anderer, die sie zu ertragen
hatten.
Die Lust an der Provokation ist im diagonal
gegenüberliegenden Badekabinett verewigt. In der
Wanne liegen Messer, Nagelscheren, Cuttermesser,
Scheren, Nadeln und Nägel. Auf Folien und
Bildern dargestellt ist eine spektakuläre
Vorführung der Aktionskünstlerin Marina Abramovic: „Rhythm ten“ nannte sie das
Schauspiel, bei dem sie mit zehn verschieden
großen Messern eine Mutprobe nachstellt, bei der
die Messerspitze zwischen den gespreizten
Fingern einer Hand hin- und hertanzt. Verletzte
sich die 1946 in Belgrad geborene und heute in
Amsterdam lebende Aktionskünstlerin, hat sie von
vorne angefangen. Das letzte Bild ist eine
blutverschmierte Tischplatte.
Auch wer sich angewidert abwendet, sollte
bedenken, dass ihm der laxe bis sträfliche
Umgang mit dem Körper allerorten begegnet:
Permanent- Make-ups, Tattoos, Piercings,
Brandings tragen mittlerweile viele Menschen als
„Körper-Schmuck“ oder was sie dafür halten.
„Kleidung reicht als Projektionsfläche nicht
mehr aus, es geht unter die Haut und immer
tiefer rein“, wie es Imke Kreiser ausdrückt.
Mit Installationen wie der beschriebenen
„Körpergrenzen“ wollen die Künstlerinnen einen
Kontrapunkt setzen, an den sorgsamen Umgang mit
dem Körper erinnern.
Kaum ein anderer Ort als der, an dem die
Menschen früher ihren Körper arbeitsfähig und
gesund erhalten haben, passt besser als ein
verlassenes Bad.
Kreisers haben diesen Fakt in den Kontext zu
Katharina Hackers Roman „Der Bademeister“
gesetzt, über einen abgewickelten Schwimmmeister
in einem abgewickelten Bad. Kontakt zur Autorin
haben die Schwestern schon, vielleicht wird eine
Lesung möglich sein.
Möglich wurde die Schau auch nur durch die Hilfe
von kleinen Handwerksbetrieben wie Stahlbau
Gartensleben, Glas-Stamnitz oder Betten-Max.
„Die größeren haben immer abgewinkt, die
kleineren haben geholfen“, sagt Constanze
Kreiser.
„Unter die Haut“, Imke und Constanze Kreiser,
Altes Stadtbad Messelplatz, Eröffnung heute 11
Uhr, 16. bis 23. Dezember 2004 und 1. bis 6.
Januar 2005, täglich von 11 bis 16 Uhr geöffnet,
Eintritt frei.
Märkische
Allgemeine
16. Dezember 2004
„Das Gebäude redet noch“ „Unter die Haut“-Installationen im Dezember im Kulturbad
ANDRÉ WIRSING
Körperkult bis zur
Selbstzerstörung, der
nachlässige Umgang mit dem
eigenen Körper unabhängig von
seiner Funktionalität, der
Körper als
Repräsentationsgegenstand, als
Ziel von Neugier und Gewalt.
„Unter die Haut“ ist der Titel
einer Rauminstallation der
beiden Schwestern Imke und
Constanze Kreiser. Sie hatten
mit ihrer Idee den städtischen –
mit 5000 Euro dotierten – Preis
„Kunstkonzepte 2004“ gewonnen.
Ihre Schau zeigen sie im
Dezember im Kulturbad im alten
Stadtbad.
Einen besseren Ort hätten sie in
der Stadt nicht dafür finden
können. „Das Thema Körper wird
in Räumen inszeniert, die gebaut
wurden, als ein ganz anderes
Körperverständnis herrschte, mit
der Idee des gesunden und gesund
zu haltenden Körpers“, sagt
Constanze Kreiser. In ihrem
Konzept haben die beiden
Künstlerinnen den Gegensatz so
beschrieben: „Schwimmbäder
weisen auf eine geänderte
Körperwahrnehmung hin, der
Körper wird nicht mehr für die
Arbeit gesund erhalten. Er kann
ohne Rücksicht auf sein
Funktionieren verformt werden,
er wird nur aus
Repräsentationsgründen mit
Fitness, Bodybuilding, Chirurgie
in Form gebracht, mit Piercing,
Tattoos und Permanent Make-up
bemalt und bekleidet.“
Markenkleidung reicht nicht mehr
aus, jetzt geht’s unter die
Haut.
Für ihre Installation nutzen die
beiden Frauen die acht
Wannenbad-Abteile, die durch ein
Rollrasenband auf dem Boden und
rote Stoffbahnen unter der Decke
und an den Stirnwänden verbunden
sind. Jedes Abteil trägt einen
anderen Titel – „Körpergrenze“,
„Körpermasse“, „Körpersinne“,
„Machtkörper“ oder „Angstkörper“
beispielsweise. Die Wannen sind
gefüllt mit Stoffen wie Latex,
Tapetenkleister, Honig oder
Lacken. Darüber spannen sich
durchsichtige Folien mit Texten
aus Medizin, Religion,
Populärkultur, Literatur oder
Werbung. Mit dem Slogan „Feel
confident“ (Fühl dich sicher)
wird beispielsweise im Internet
für eine Lotion geworben, die
„Nutella für den ganzen Körper“
sein soll. Der Zugang zu den
Wannen ist erschwert durch auf
den Boden geschüttete
Materialien. Schiebt man diese
mit den Füßen beiseite, werden
Wortpaare sichtbar.
Constanze Kreiser ist begeistert
von dem alten Stadtbad als
Kulisse für ihre Installation.
„Dieses Gebäude redet noch. Die
Uhren, Druckmesser, Thermometer,
aber auch die Schilder mit den
Verhaltensanweisungen sprechen
eine eigene Sprache.“ Parallelen
zieht die Künstlerin zu dem im
Jahr 2000 erschienenen Buch „Der
Bademeister“von Katharina
Hacker. Darin geht es um einen
Bademeister im Prenzlauer Berg,
der entlassen ist, weil sein Bad
geschlossen wurde. Dabei mag er
nicht begreifen, dass mit der
Schließung alles zu Ende und dem
Verfall preisgegeben sein soll.
Bald verlässt er das Bad nicht
einmal mehr, um zu Hause zu
übernachten. Assoziationsreich
spricht er mit sich selbst oder
imaginierten Zuhörern.
Offensichtlich sprechen bei
„Unter die Haut“ die
Ausstellungsmacherinnen über
ihre Texte und Kollagen mit den
– realen – Betrachtern.
Brandenburger Stadtkurier
16. Dezember 2004